Ist jetzt ‘ne ganze Weile her, dass wir uns aus Island gemeldet haben. Da wird es Zeit, einen neuen Bericht zur Lage zu verfassen. 

Von Reykjavik aus, sind wir nach Halifax geflogen, der Hauptstadt von Nova Scotia, einer Provinz in Kanada. Diese Provinz liegt direkt am Atlantik und hat so einige Merkmale aufzuweisen, die die Reise dorthin echt interessant machen. Erstmal hatten wir nun das Gefühl, in den Sommer zu kommen. Nach den isländischen 9 bis 15 Grad waren die 25 Grad von Nova Scotia ein regelrechter Hitzeschock – kein Vergleich mit deutschen Temperaturen!!!
Also nun Halifax! Die Vorzüge dieser Stadt wussten schon die Briten zu nutzen und bauten hier eine Befestigungsanlage, die noch heute (für touristische Zwecke) von Menschen in Uniform bewacht wird. Nova Scotia! Da gehören natürlich die Schottenröcke zur Dienstkleidung! 


Besonders bekannt wurde Halifax durch die schrecklichen Nachrichten, die 1912 Schlagzeilen machten: die Titanic ist gesunken! Und Halifax war der Ort, an den man die Toten brachte. Viele Opfer wurden auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt. Es ist schon ein berührender Moment, vor den 330 Gräbern zu stehen, und alle haben das identische Todesdatum auf dem Grabstein: 15.4.1912! Besonders das Grab eines kleinen englischen Jungen fällt ins Auge: 


Sidney Leslie Goodwin war ebenfalls unter den Opfern, die vor Halifax den Tod fanden. Nicht nur ist sein Grab wohl immer mit Stofftieren und Blumen geschmückt, auch im Maritimmuseum in Halifax gedenkt man seiner mit den kleinen Schühchen, mit denen er im eiskalten Wasser gefunden wurde.


2 Tage halten wir uns in Halifax auf, bevor wir auf Tour entlang der Küste von Nova Scotia gehen. Wie schön!!! Peggy’s Cove, ein wunderbares Fischerdörfchen mit Leuchtturm, einem Ein – Millonen- $ – Blick und Hummerküchen an jeder Ecke!!! 


Hier an der Küste finden sich viele Forts, die eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich haben: mal französische Truppen, mal englische – und das in ständigem Wechsel, je nachdem, wer gerade die besseren Waffen hatte. Aber eins ist doch wirklich bemerkenswert. Im Laufe der Zeit ließen sich Menschen – aus Frankreich kommend – hier nieder, die wirklich keine Lust mehr auf das Gerangel um Land- und Machtbesitz hatten. Sie weigerten sich im 18. Jahrhundert an kriegerischen Handlungen teilzunehmen. Daraufhin waren die Briten so ärgerlich, dass sie diese Arkadier einfach deportierten. Bumms aus! Viele flüchteten daraufhin nach Québec, manche kamen später wieder. Aber noch heute leben Nachfahren dieser Menschen hier um Halifax herum. Wie sich Geschichten der Geschichte doch gleichen!!! Den Stolz dieser Arkadier spürt man aber an jeder Ecke. Selbst auf Kuhweiden ist die arkadische Flagge gepflanzt! 


Wie gut, dass man all diese Querelen an der Landschaft nicht erkennen kann, denn die ist so friedlich. Da wechseln sich Steilküsten mit kleinen Inseln ab, Fischerdörfer laden zum Hummeressen ein. Rundherum idyllisch!


Und dann – doch wieder spannende Geschichten.
Von hier hat Marconi seine erste Nachricht über den Atlantik gemorst. Die Steilküste war da sehr hilfreich bei der Übermittlung der so wichtigen Nachricht nach England: ein einziger Buchstabe: „S“! Was kann man mit „S“ nicht alles schreiben? Sonne, Strand, Schokolade und SABBATJAHR!
Marconi wird als Begründer der drahtlosen Kommunikation gefeiert. Seine Erfindung nahm die Seefahrt gerne an. Aus großer Dankbarkeit wurde ihm eine kostenlose Passage auf der Jungfernfahrt der „Titanic“ angeboten. Er war aus Zeitgründen aber schon 3 Tage vorher nach New York gefahren. Manchmal kann Stress also auch positiv sein!
Wie unterhält man sich, wenn man weder hören, noch sprechen, noch sehen kann? Über das Thema haben wir viel erfahren am Cape Breton, in Nova Scotia. An diesem Ort hatte sich Alexander Graham Bell in seinen letzten Lebensjahren niedergelassen. Von dem hatten wir nur im Zusammenhang mit der Erfindung des Telefons gehört. Aber jetzt – wie spannend – haben wir erfahren, dass er in erster Linie Sprechtherapeut und u.a. auch mit Helen Keller befreundet war. Und die konnte eben weder sprechen, noch hören, NOCH SEHEN. Die Methode ist so einfach, wie genial: die Hand wurde als Schreibmaschine und Lesegerät benutzt. 


Aber Cape Breton hat noch so viel mehr zu bieten. Der Cabot Trail wird als eine der schönsten Straßen Canadas bezeichnet. 


Und nicht zu Unrecht! Die Musik, die hier traditionell gespielt wird, ist super. Ein Zwischending zwischen irischer und eben bretonischer Musik, und die haben wir einen Abend genießen dürfen.
Aber zurück zur Landschaft: da gibt es die „Bay of Fundy“, eine Stelle, an der der Tidenhub so groß ist, dass ein 5stöckiges Gebäude bei Flut glatt versinken würde. Bei Ebbe dagegen ist das Wasser weg, und die Menschen spazieren auf dem Meeresboden herum – und so wir auch! Da, wo sonst Wale plantschen, spazieren dann die Menschen zwischen den Steinen, klettern auf Felsvorsprünge und pflücken Algen, die sonst im Wasser verborgen sind. 


Und dann erst der St. Lorenz – Strom! Nicht nur, dass der Strom so breit ist, dass man meint, man hat das Meer vor sich, wenn man an dessen Ufer steht. 


Hier gab und gibt es jede Menge Geschichten, Erzählungen und Ereignisse. Und es fällt echt schwer, nur einige herauszugreifen.
Zahlreiche Künstler haben sich wegen der Schönheit der Gegend am St. Lorenz Strom niedergelassen. Die Künstlerfamilie Gagnon z.B. hat sich hier mit Gemälden, Statuen, Gedichten, aber auch mit einem Hotel und einem Restaurant einen festen Platz unter den touristischen Zielen geschaffen. Und wenn man die Figuren sieht, die aus dem Wasser zu kommen scheinen – oder den anderen Weg wählen? – dann entstehen Geschichten im Kopf eines jeden Betrachters, die die Entdecker wie Cartier, Champlain und wie sie alle heißen, erscheinen lassen, die diesen Fluss entlanggerudert sind. 


Oder erinnern die Figuren doch eher an die Menschen, die am 28.5.1914 ihr Leben im St. Lorenz Strom verloren, 2 Jahre nach dem Untergang der „Titanic“? Auch eine Geschichte des St. Lorenz – Stroms! Nachmittags gingen 1477 Menschen an Bord der „Empress of Ireland“, um von Québec nach England zu reisen. Nur Stunden später waren 1012 Menschen tot. Ein Dampfer war im dichten Nebel mit der „Empress of Ireland“ kollidiert. Innerhalb von 14 Minuten sank das Passagierschiff. Fast genauso schnell ist dieses Schiffsunglück in Vergessenheit geraten, denn, anders als bei der „Titanic“, war keine Prominenz und kein Geldadel an Bord. Eine Geschichte berührt uns ganz besonders: ein kleines Mädchen, Dolly Brooks, war unter den Toten. Als man sie fand, hatte sie ein kleines Portemonnaie fest in ihrer Hand umschlossen. Heute liegt diese Geldbörse im Museum.


Und trotzdem wirkt der Strom bei Sonnenuntergang so friedlich, dass man die Tragödien, die der Fluss sah, nie erahnt.


Die großen Städte entlang des St. Lorenz – Stroms haben wir natürlich nicht ausgelassen. Da kommt zuerst Québec, in der Provinz Québec. Hier ist man noch stolz auf seine französische Vergangenheit und spricht selbstverständlich Französisch. Wir haben Glück: an diesem Wochenende wird der Gründung der französischen Kolonie mit dem „New France Festival“ gedacht. Uns begegnen Monsieur Champlain und seine dem Geschichtsbuch entsprungenen Freunde. Und abends dann eine freie Vorstellung von „Cirque du soleil“! Québec? Immer wieder! 


Übrigens scheint in dieser Stadt alles heilig zu sein. Selbst die Eisdiele heißt „Saint Crème!“ 


Da hat das Schweinchen vor dem Laden in Québec schon Recht. „Je suis dingue“ = Ich bin verrückt!!!


Ja – und Montréal nicht zu vergessen. Eine Stadt mit ganz viel Charme und olympischer Vergangenheit. 


Auf dem Olympiagelände haben wir eine interessante Begegnung mit einer früheren Olympionikin gehabt, die 1988 als Hürdenläuferin für die Schweiz gestartet war und da den 6. Platz belegte. Eigentlich wollten wir uns nur Tennisschläger für ein Foto ausleihen, denn diese Dame machte gerade Pause während eines Tennismatches. Aber es ist manchmal bemerkenswert, wie man ins Gespräch kommt. Dass sie ein Doping – Problem hatte, sei nur am Rande erwähnt, denn natürlich haben wir abends recherchiert, mit wem wir es überhaupt zu tun gehabt hatten. Und dank Internet – oder ist es eher ein Fluch? – erhält man doch so einige Informationen, die uns sonst verborgen geblieben wären.

Ein weiterer Höhepunkt in Montréal war die Sound- und Lightshow in der Kathedrale.


Zwei Städte fehlen noch: Ottawa, die Hauptstadt Kanadas und Toronto.
Ottawa ist englischer als England. Gefühlt hatten wir deutsche Temperaturen bei unserem Besuch in der Hauptstadt, und dennoch stehen die Männer der Wachmannschaft mit Bärenfellmützen bereit zum Wachwechsel. 


Da sie sich vertraglich verpflichtet haben, sich während ihrer Wache nicht zu bewegen (also, wenn die Nase läuft, laufen lassen! Wenn’s unterm Hut juckt, hoffen, dass die Wache bald um ist! Und wenn der Kreislauf droht in der Hitze zusammenzubrechen, aushalten! Nein! Bei Hitze geht’s etwas anders: ein Soldat wird dann abgestellt, der in einem Glas Wasser reicht, das aus einem Strohhalm getrunken werden muss. Laut Vertrag darf ja während der Wache kein Glas angehoben werden!!!) Die Queen hätte ihre Freude an den Jungs! Und wir auch!
Toronto: Hektik pur! Aber wir hatten wieder Glück! Einen Tag später hätte uns die Flut überrascht. So saßen wir in brüllender Hitze in einem Bus, der versuchte, uns die Vorzüge der Stadt zu zeigen. Ja, sie hat schöne Seiten, aber … Nee, die Hektik ist zu viel!


An dem Tag, an dem das Wasser nur so auf Toronto herunterrauschte, besuchten wir die Niagara Falls. Nicht unbedingt weniger Wasser hier, aber in geordneten Bahnen. Es ist schon ein ganz besonderes Gefühl, wenn man auf kanadischer Seite an der fast 700 Meter breiten halbrunden Abbruchkante steht, an der das Wasser in die Tiefe donnert.


Im Jahr 1901 wagte eine 63jährige Lehrerin, Annie Taylor, in einem Holzfass liegend, einen Sturz die Wasserfälle herunter, überlebte tatsächlich und hoffte auf Ruhm und Reichtum. 


Beides blieb aus. Sie starb verarmt 20 Jahre später. Nee, wir lassen das und fahren weiter.
In Ontario haben sich die Amish niedergelassen. Das sind die Menschen, die vor etwa 300 Jahren ihrer Religion wegen aus Deutschland und der Schweiz fliehen mussten und die heute noch genauso leben wie damals. Kein Strom, keine Autos, …  


Faszinierende Menschen, die eine große Ruhe ausstrahlen, genau das Richtige nach all den Städten. Und das genießen wir jetzt.
Wir melden uns bald wieder und wünschen Euch bis dahin nur das Beste!!!